Kreuzbandriss und Olympia – medizinische Einordnung zum Fall Lindsey Vonn
Der mögliche Olympia-Start von Lindsey Vonn trotz gerissenen Kreuzbandes sorgt derzeit international für intensive Diskussionen – sowohl im Spitzensport als auch in der Medizin. Als Facharzt für Orthopädie und orthopädische Chirurgie wurde ich eingeladen, diesen hochaktuellen und kontrovers diskutierten Fall medizinisch einzuordnen.
Im Rahmen dieser Berichterstattung war ich zu Gast bei ORF, Ö3 sowie Ö1, um die Risiken, medizinischen Hintergründe und möglichen Konsequenzen einer Teilnahme an Olympischen Spielen mit einer schweren Knieverletzung zu erläutern.
Hochleistungssport und Verletzungsrisiko – eine schwierige Gratwanderung
Ein Kreuzbandriss zählt zu den schwerwiegendsten Verletzungen im Kniegelenk, insbesondere im alpinen Skisport. Die Stabilität des Knies ist maßgeblich für schnelle Richtungswechsel, Landungen und hohe Belastungen verantwortlich. Ein Start bei einem Großereignis wie den Olympischen Winterspielen stellt daher ein enormes Risiko dar – sowohl kurzfristig für weitere Schäden als auch langfristig für die Gelenkgesundheit.
Gleichzeitig zeigt der Fall, unter welchem Druck Spitzensportlerinnen und Spitzensportler stehen: persönliche Ziele, Sponsoren, Karriereplanung und sportliche Leidenschaft treffen auf medizinische Vernunft und langfristige Gesundheit.
Medizinische Einschätzung
In meinen Interviews habe ich insbesondere folgende Punkte hervorgehoben:
- Individuelle Entscheidungsfindung: Jede Verletzung und jeder Körper ist anders. Entscheidungen müssen individuell und verantwortungsvoll getroffen werden.
- Kurzfristige vs. langfristige Folgen: Eine Teilnahme kann kurzfristig möglich erscheinen, langfristig jedoch das Risiko für Folgeschäden wie Meniskusverletzungen oder Arthrose erhöhen.
- Teamentscheidung: Optimal ist eine enge Zusammenarbeit zwischen Athletin, medizinischem Team, Trainern und Betreuungspersonen.
Spezialfall Lindsey Vonn
Es ist absolut verständlich, dass Lindsey Vonn sich dazu entscheidet, an den Olympischen Spielen teilzunehmen – insbesondere vor dem Hintergrund ihrer außergewöhnlichen Karriere und Erfahrung im Spitzensport. Für normale Athletinnen und Athleten würde ich eine solche Entscheidung jedoch keinesfalls empfehlen. Mit einer derart gravierenden Knieverletzung besteht ein erhebliches Risiko für schwerwiegende Sekundärverletzungen wie Meniskusschäden, Knorpelverletzungen oder dauerhafte Instabilität des Kniegelenks.
Medienbeiträge zum Thema
Mein Fazit
Der dargestellte Fall verdeutlicht, wie anspruchsvoll medizinische Entscheidungsprozesse im Spitzensport sind. Insbesondere bei komplexen Vorverletzungen und strukturellen Vorschädigungen müssen sportliche Zielsetzungen stets gegen das Risiko weiterer Schäden und möglicher Langzeitfolgen abgewogen werden.
Als Orthopäde und Sportmediziner sehe ich es als meine Aufgabe, solche Sachverhalte differenziert und faktenbasiert einzuordnen und ein Bewusstsein für einen verantwortungsvollen Umgang mit Belastungen zu schaffen – sowohl im professionellen Leistungssport als auch in der täglichen klinischen Praxis.
In der aktuellen Konstellation erscheint aus medizinischer Sicht die Wahrscheinlichkeit, eine Abfahrt zu bestreiten, am höchsten. Diese Disziplin weist im Vergleich zu Slalom und Riesenslalom eine deutlich geringere Dreh- und Torsionsbelastung auf, wodurch die mechanische Beanspruchung der betroffenen Strukturen reduziert wird. Unter diesen Voraussetzungen besteht grundsätzlich die Möglichkeit, ein Rennen kontrolliert durchzuführen. Slalom und Riesenslalom hingegen sind aufgrund der hohen Rotationskräfte, schnellen Richtungswechsel und repetitiven Belastungsspitzen aus meiner fachlichen Sicht derzeit nicht realistisch umsetzbar.
Unabhängig von der finalen Entscheidung wünsche ich Lindsey alles Gute und drücke die Daumen.
